16. Oktober 1964
Grundsteinlegung



 

Mosbach.  Heute morgen wird der Grundstein für die neue Schule im Nüstenbachtal gelegt. Damit wird in Mosbach im Laufe von zwölf Jahren die dritte Schule gebaut. Die erste Volksschule Mosbachs war am 29. Mai 1885 eingeweiht worden. Sie hatte im Jahre 1952 den Namen Wilhelm Sterns, eines berühmten Mosbacher Pädagogen, erhalten. Mit der Einweihung der zweiten Mosbacher Volksschule am 13. September 1952, der Pestalozzi-Schule, war eine Namensgebung unvermeidlich geworden. Der Pestalozzi-Schule war am 2. Mai 1960 die Einweihung der Lohrtal-Schule gefolgt.
Man behauptet zwar bisweilen, die Schulnot in Deutschland sei ein nationales Unglück. Der kulturelle Fortschritt entspreche nicht mehr dem technischen. Das entspricht .nicht ganz den Verhältnissen. Die Schule auch in ihrer äußeren Gestalt muß Instrument der modernen Pädagogik und in ihrer Anlage und in ihrem Grundriß Spiegel des pädagogischen Prinzips sein. So wird das neue Schulhaus Voraussetzung für die vielberufene innere Schulreform.
Mit neuen Schulen aber soll nicht nur die Zahl der Klassen- und Fachräume vermehrt werden, so notwendig dies auch ist. Die neuen Schulhäuser sollen vielmehr in ihrer organisatorischen Gliederung, in Art, Größe, Zahl und Ausstattung der Unterrichtsräume, der Verkehrsräume, Treppen, Flure, der Pausenhallen, Sportanlagen und nicht zuletzt in ihrem künstlerischen Schmuck und der gesamten architektonischen Gestaltung dem Ernst und der Feierlichkeit, der Ausgelassenheit und der Fröhlichkeit und nicht zuletzt der kindlichen Phantasie entgegenkommen und Rechnung tragen.
Dies scheint zum größten Teil bei dieser neuen. Schule Mosbachs verwirklicht zu sein. Viele werden sich fragen, weshalb in Mosbach bei bisher drei Schulen überhaupt eine vierte notwendig wurde. Nun, allein die Geschichte der zweiten Mosbacher Volksschule, der Pestalozzi-Schule, zeigt eindeutig auf, wie wichtig der Bau einer vierten Mosbacher Volksschule war. Im Jahre 1954 wurde an der Pestalozzi-Schule der erste Mittelschulzug gebildet. Es meldeten sich damals so viele Schüler, daß zwei Klassen gebildet werden mußten. Damals waren alle auswärtigen Schüler in Neckarelz eingeschult worden. Mit Schuljahresbeginn 1959 wurde der Mittelschulzug endgültig genehmigt und anerkannt. Mit Schuljahrsbeginn umfaßte dieser nun voll ausgebaute Mittelschulzug die Klassen 5-10 (l. bis 6. Mittelschulklasse), und zwar durchweg Parallelklassen. Ostern 1960 wurde der Mittelschulzug Neckarelz aufgelöst. Es hatte sich damit gezeigt, daß im Landkreis Mosbach nur eine voll ausgebaute Mittelschule bestehen kann.
Jahr um Jahr nahm die Schülerzahl an der Mittelschule zu, Ostern 1960 konnten erstmals 36 Schüler nach bestandener Abschlußprüfung die Mittelschule verlassen. Zur Zeit hat die Mittelschule zwölf Klassen mit 410 Schülern. Mehr als die Hälfte davon kommt von den Landorten. Mit der Zunahme der Mittelschulklassen mußten die Volksschulklassen an der Pestalozzi-Schule vermindert werden. Die verdrängten Klassen wurden an die beiden Volksschulen übergeführt. Daher besteht heute an allen drei Schulen Raummangel.
Mosbach hatte schon seit langer Zeit den Ruf, eine gute Schulstadt zu sein. Dieses Prädikat ist verdient, denn Mosbach wendet sehr viel für die Schulen auf. Die von der Stadt unterhaltenen Schulen wurden bereits erwähnt. Daneben unterhält der Landkreis die Handels-, die Gewerbe- und die Landwirtschaftsschule. Die Stadt hat neben den Volksschulen auch noch das Gymnasium zu unterhalten. Das dürfte für die nächsten Jahre eine "harte Nuß" für die Stadt werden, denn das Gymnasium leidet an chronischem Raummangel. Der Bau eines neuen Gymnasiums ist geplant und wird wohl auch bald verwirklicht werden.
Mosbach hatte vor etwa 100 Jahren mehr Schulen als heute. Und zwar bestanden folgende Schulen: Eine katholische Schule am Unteren Graben, eine evangelische Schule am alten Schulplatz (im ehemaligen Gebäude des Arbeitsgerichts), eine evangelische Schule am alten Schulplatz im Hause Pauly, Orgelbauer, eine evangelische Schule am Kirchplatz und eine Töchterschule abwechselnd im evangelischen Pfarrhaus 2, im ehemaligen Leiningischen Forsthaus gegenüber dem Gefängnis und in der Fabrikgasse. Zeichenunterricht wurde im ehemaligen Stadtbauamt im Rathaus erteilt. Alle diese konfessionellen Schulen wurden mit Gesetz von 1876 aufgelöst. In Mosbach wurde eine Schule gebaut, die den damaligen Gegebenheiten Rechnung trug. Sie wurde 1885 eingeweiht. Es dauerte sehr lange, bis Mosbach eine zweite Volksschule brauchte. Nahezu 70 Jahre kam man mit dieser einen Schule aus.
Die Mosbacher Volksschulen mit der Mittelschule haben folgende Lehrer- bzw. Schülerzahlen: Wilhelm-Stern-Schule: 16 Lehrer, 482 Schüler, Pestalozzi-Schule: 13 Mittelschullehrer, 420 Mittelschüler, drei Volksschullehrer, 110 Volksschüler, Lohrtalschule: 12 Lehrer, 460 Schüler, 60 Hilfsschüler.
Die Nüstenbachtal-Schule soll 560 Schüler aufnehmen. Im ersten Bauabschnitt werden 16 Säle gebaut, zu denen im zweiten Bauabschnitt acht Säle, eine Turnhalle und ein Gymnastikraum hinzukommen. Planfertiger und Bauleiter ist Stadtarchitekt Herm. Kurz, die örtliche Bauleitung hat Elmar Mellert, Neckarelz. Die Schule wird voraussichtlich im Jahre 1966 bezogen werden. Bis dahin wird auf die Stadt Mosbach ein neues Schulproblem zukommen: der Bau einer Schule in der Waldstadt.

(Richard Knopf)

 

P R O G R A M M

 

Zu der am 16. Oktober 1964, vormittags 10 Uhr stattfindenden

G R U N D S T E I N L E G U N G
D E R   N E U E N   V O L K S S C H U L E
I M   N Ü S T E N B A C H T A L

gestatte ich mir, Sie ergebenst einzuladen.

   

- Musikstück: Jugendkapelle des Musikvereins Mosbach
- Begrüßung: Bürgermeister Tarun
- Vorspruch
- Flötenspiel
- Chor "Willkommen zu diesem Fest"
- Ansprache: Rektor Haas
- Grußworte der Schulleiter
- Grundsteinspruch
- Verlesung der Urkunde
- Hammerschläge des Bauherrn und der dazu gebetenen Gäste
- Schlußgedicht
- Flötenspiel
- Chor "Wo der Herr nicht gibt sein Gunst"
- Musikstück: Jugendkapelle des Musikvereins Mosbach

 

 

DIE GRUNDSTEINLEGUNG für die neue Schule im Nüstenbachtal wurde am Freitag vorgenommen. Bürgermeister Werner Tarun zeigte nach seiner Ansprache die zahlreich Versammelten den Köcher, in dem die Urkunde und die Münzen - es befinden sich keine Tausendmarkscheine darin - eingeschlossen wurden (rechts). - Der Regen, der während der Feierstunde fiel, machte den Teilnehmern nichts aus. Um die Vorgänge besser sehen zu können, hatten sich viele Schüler auf die zum ersten Stock führende Nottreppe gestellt.

(Aufn.: R i c h a r d  K n o p f)

 

tom. Mosbach. Trotz des Regens hatten sich zahlreiche Ehrengäste mit den Schulkindern am Wochenende zur feierlichen Grundsteinlegung der Volksschule im Nüstenbachtal eingefunden. Vor dem Akt der Grundsteinlegung streifte Bürgermeister Werner Tarun in kurzen Zügen die Situation auf schulischem Gebiet in der Kreisstadt Mosbach. BM Tarun erinnerte daran, daß der Mosbacher Gemeinderat sein besonderes Augenmerk in den letzten Jahren den Schulen gewidmet habe und die Stadt trotz vieler anderer Probleme auch im Schulsektor den Anforderungen gerecht geworden sei. Trotz aller Anstrengungen und aller modernen Schulbauten könne die Stadtverwaltung aber letzten Endes keine fertigen Menschen aus den Schulkindern machen. Die Stadt stelle die äußeren Hüllen, Lehrer- und Elternschaft seien dann berufen, das weitere zu tun. Die Schule, führte Bürgermeister Tarun weiter aus, müsse in der heutigen Zeit über die Wissensvermittlung hinausgehen und der Jugend eine echte Erziehung angedeihen lassen; nur dann könne man sagen, daß die Schule ihre Pflichten erkannt habe und ihre Aufgabe voll erfülle. Das Stadtoberhaupt ließ durch Ratsschreiber Wolf die Urkunde verlesen, die in die Kapsel eingelötet wurde. Mit den Tageszeitungen kamen gerade an diesem Freitag durch den Führungswechsel in Moskau hochpolitische Aktualitäten in die Urne.
Rektor Werner Haas behandelte in seiner Ansprache die Entwicklung des Schulwesens der Kreisstadt Mosbach in den vergangenen Jahrhunderten. Er stellte dabei besonders das Leben und Wirken von Wilhelm Stern heraus. Dieser große Sohn der Stadt Mosbach sei in eine einklassige Schule gegangen, denn in den damaligen Zeiten habe selbst die Stadt mit ihren fast 3000 Einwohnern keine mehrklassige Schule besessen. Die heutigen Kinder hätten zwar ein Recht auf schöne und moderne Schulen, ein Gefühl der Dankbarkeit solle aber trotzdem jeder Knabe und jedes Mädchen im Herzen tragen.
Im Namen der weiterführenden Schulen übermittelte Direktor Fischer vom Gymnasium die besten Wünsche. Die weiterführenden Schulen hätten schon immer die Arbeit der Grund- und Hauptschule gewürdigt, und sie freuten sich aufrichtig, wenn wieder eine Grundschule ihre Pforten öffnen könne.
Nachdem die Kapsel in den Grundstein gelegt war, nahmen die Ehrengäste die üblichen ersten Hammerschläge vor und überbrachten dabei ihre Glück- und Segenswünsche für das werdende Bauwerk. Die Kinder umrahmten die Feier der Grundsteinlegung mit Liedern, Sprechchören und Gedichten. Die Jugendkapelle trug mit ihren Darbietungen wesentlich zum Gelingen der Feier bei.

  

  

Lernen und erziehen, wissen und bilden

  

Mosbach. In Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Lehrerschaft, des Stadtrats und vieler Schüler konnte Bürgermeister Werner Tarun am Freitagmorgen seine drei Hammerschläge auf dem Grundstein der neuen Nüstenbachtalschule ausführen. Der Köcher des Grundsteins, in den Münzen unserer Zeit, eine Urkunde und die Tageszeitungen eingeschlossen wurden, berge auch weltpolitische Aktualität, sagte Bürgermeister Tarun. Außerdem sei durch die Presseberichte die Geschichte der Mosbacher Schulen der Nachwelt ausführlich überliefert.

Mosbach sei eine schulfreudige Stadt. Das habe man in der Vergangenheit bewiesen, das zeige aber auch der derzeitige Gemeinderat, der das Hauptaugenmerk auf die Schule gerichtet habe. Er könne allerdings nur die materiellen Voraussetzungen für die Schulen schaffen. Der Bürgermeister freute sich, mitteilen zu können, daß nun die Sonderschule ab dem Schuljahr 1965/1966 als eigenständige Schule endgültig genehmigt sei. Auf die Stadt Mosbach komme auch die Schaffung einer neuen Schulabteilung für die Kinder der Waldstadt zu, die als Teil der Lohrtalschule eingerichtet werde.

Nachdem der Gemeinderat die materiellen Grundlagen für die Schule geschaffen habe, müsse Lehrerschaft und Elternschaft auch ihren Teil zum Gelingen beitragen. Lernen und erziehen, wissen und bilden das seien die Aufgaben der Schule, die kein Betrieb sei, in der man seinen Beruf ausübe. Lernen und Wissensvermittlung seien selbstverständliche Dinge. Über die Wissensvermittlung hinaus aber müsse echtes Erziehen und Bilden vermittelt werden. Mit dem Dank für das große Interesse und die Mitarbeit des Schülerchors und der Jugendkapelle schloß Bürgermeister Tarun seine Ansprache.

Bevor die Urkunde in der Kapsel verschlossen wurde, verlas man ihren Text, dessen Inhalt hier auszugsweise wiedergegeben sei:

„Die Stadt Mosbach hatte 1939 5480 Einwohner. Durch die Zuwanderung von Heimatvertriebenen nach dem Zusammenbruch und infolge der zunehmenden Industrialisierung ist die Bevölkerungszahl der Stadt heute auf 12 500 angestiegen. Seit 1885 besteht in Mosbach eine christliche Gemeinschaftsschule. Die Schulpflichtigen wurden damals in einem neu erbauten Schulhaus - der heutigen Wilhelm-Stern-Schule, Neckarelzer Straße 3 - unterrichtet. Noch im Jahre 1939 bot dieses Gebäude genügend Raum für die Schulkinder der Stadt. Heute wird sie von den 482 Schülern des nördlichen. Schulbezirks besucht. Um die seit 1945 ständig wachsende Schülerzahl unterrichten zu können, mußte neuer Schulraum geschaffen werden. 1952 wurde deshalb die Pestalozzi-Schule am Hardberg errichtet. Sie wird zur Zeit von 110 Volks- und 410 Mittelschülern besucht. 1960 folgte die Einweihung der Lohrtalschule, in der heute 460 Volks- und 60 Hilfsschüler unterrichtet werden. Die im Bau befindliche Schule im Nüstenbachtal soll in ihren 16 Schulsälen etwa 560 Schülern Raum bieten.

Das Schulgebäude umfaßt im ersten Bauabschnitt rund 13000 cbm umbauten Raumes und ist mit 2,3 Millionen DM veranschlagt. Für den zweiten Bauabschnitt sind acht weitere Schulsäle und eine Turnhalle mit Gymnastikraum vorgesehen. Die Planung schließt den Schulraum der ab 1970 einzuführenden Grund- und Hauptschule ein. Die Baupläne wurden von Stadtarchitekt Hermann Kurz, der auch die Bauleitung innehat, angefertigt. Örtlicher Bauleiter ist Architekt Elmar Mellert, Neckarelz. Der erste Spatenstich für diesen Volksschul-Neubau wurde am Donnerstag, dem 30. April 1964, in Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Behörden, der Geistlichkeit und der Lehrerschaft der örtlichen Schulen von Bürgermeister Werner Tarun feierlich vollzogen. Die neue Schule soll an Ostern 1966 ihrer Bestimmung übergeben werden."

Rektor Werner Haas sprach von den Gründen, die zum Bau dieser Schule führten. Er erwähnte, daß Wilhelm Stern, der große Sohn Mosbachs, noch zum Beginn des letzten Jahrhundert in einer kleinen Schule unterrichtet habe. Als Wilhelm Stern Mosbach im Jahre 1871 zum letzten Male besuchte, habe er zwar schon mit der Eisenbahn in seine damals 3360 Einwohner zahlende Heimatstadt fahren können, aber man habe noch in sechs Zwergschulen, nach Konfessionen getrennt, Unterricht erteilt. Dann habe man aber an den Bau einer großen Schule gehen müssen, die im Jahre 1885 eingeweiht wurde, und die der Stolz des ganzen badischen Hinterlandes gewesen sei. Die Kinder hätten ein Recht auf ein gutes, modernes Schulhaus. Aber ein Gefühl des Dankes müsse das Herz ergreifen, wenn man die Anstrengungen der Stadt auf dem Gebiet des Schulwesens sehe. Mit einem Wort von Wilhelm Stern „Haltet das Panier des Glaubens hoch" schloß Rektor Haas seine Ansprache. Die Grüße und Glückwünsche der weiterführenden Schulen der Stadt Mosbach übermittelte Überstudiendirektor Fischer vom Nicolaus-Kister-Gymnasium.

Die Jugendkapelle des Musikvereins Mosbach unter Leitung von Musikdirektor Muschiol, ein Schülerchor und ein Orffsches Orchester trugen wesentlich zur Ausgestaltung der Feier bei. rk

 

 

gg. Mosbach. „Gestern nachmittag fand hier im Hof des herrlichen neuen Schulgebäudes bei überaus freundlicher Witterung und in Gegenwart sämtlicher Schüler der Volksschule mit ihren Lehrern, der Herren der Ortsschulbehörde, des Vertreters der hohen Oberschulbehörde, Herrn Kreisschulrat Goth, des Herrn Oberamtmanns Dietz, vieler geladener Gäste und der zahlreich versammelten Gemeinde, die vorn Stadtrat angeordnete "Schulhausfeierlichkeit" statt, eine Feierlichkeit, welche, so viel wir vernehmen konnten, als eine sehr gelungene bezeichnet werden darf." - Sie werden es längst erkannt haben, lieber Leser, am schnörkeligen Stil, am ehrfürchtigen Kotau vor der Obrigkeit: Lang, lang ist´s her, daß diese Zeilen geschrieben wurden. In der Tat, fast 80 Jahre sind vergangen, seitdem am 29. Mai 1885 Mosbachs damaliger Bürgermeister Strauß die erste staatliche Volksschule der Kreisstadt einleitete. - Auch der heutige Tag ist würdig, in die Annalen des Schulwesens der Kreisstadt aufgenommen zu werden: Im Nüstenbachtal wird der Grundstein für eine neue Volksschule gelegt, für die dritte, die seit jener ersten Schule, über deren Einweihung die „Badische Neckarzeitung" in den oben zitierten blumenreichen Worten berichtete, gebaut wird, um der wachsenden Kinderschar Mosbachs die gebührende Grundbildung zu verschaffen.

Blicken wir anläßlich dieses Ereignisses noch einmal in die Chronik der Mosbacher Volksschulen: Der Einweihung der ersten Grundschule im Jahre 1885 war die Einführung der staatlichen Simultanschule in Baden (1876) vorausgegangen, das bis dahin übliche System der Konfessionsschulen wurde abgelöst, in den verschiedenen kleinen Schulen Mosbachs (am Unteren Graben, am Schul- und am Kirchplatz) der Unterricht eingestellt. Mosbachs erste Volksschule trägt ihren heutigen Namen (Wilhelm-Stern-Schule) erst seit dem Jahre 1952, in dem sie nach dem in Mosbach geborenen Schüler Pestalozzis und badischen Oberschulrat Wilhelm Stern benannt wurde. - Nachdem sie in den ersten 60 Jahren ihres Bestehens ihren Aufgaben vollkommen gerecht geworden war, brachte das Ende des zweiten Weltkrieges auch für Mosbachs Volksschule einige Umwälzungen mit sich: „Die durch Evakuierung und Zustrom von Flüchtlingen gewaltig angewachsene Stadt sah sich vor die Notwendigkeit gestellt, für die Volksschüler neue Unterbringungsmöglichkeiten zu schaffen."

So skizzierte Otto König, damals Rektor der Wilhelm-Stern-Schule, die Gründe, die die Stadt Mosbach zum Bau einer zweiten Volksschule veranlaßten, für die man sich am Hardberg einen idyllischen Platz aussuchte und die am 13. September 1952 eingeweiht wurde: Die Pestalozzischule. Der Einweihungstag wurde würdig begangen; die Hälfte der Mosbacher Volksschüler verabschiedeten sich von ihrer bisherigen Lehrstätte und stiegen - voran die Stadtkapelle - zu ihrer neuen Schule an der Pfalzgraf-Otto-Straße hinauf, wo u. a. BM Schwarz, Landrat Dr. Dörzbacher und Ministerialrat Dr. Dietrich in Ansprachen die große Stunde würdigten; fast ganz Mosbach war an diesem Tage auf den Beinen, um „mit dabei zu sein“.

Der Bau der Pestalozzischule kostete übrigens - einschließlich der Einrichtung und der Außenanlagen - ganze 637000 DM, von denen das Land Baden-Württemberg 120000 DM zahlte. Nahezu die Hälfte der Gesamtsumme kostete zusätzlich die in den Jahren 1956 bis 1957 im Anschluß an den oberen Trakt der Pestalozzischule errichtete Turnhalle: Für sie mußten 320000 DM aufgebracht werden. Trotz dieser Aufwendungen wurde der Platz in den nunmehr zwei Mosbacher Volksschulen bald wieder knapp. Die Schülerzahl der Wilhelm-Stern-Schule, die von 596 (1932) auf 1094 im Jahre 1952 gestiegen war, betrug zwar nach der Einrichtung der Pestalozzischule nur mehr 514; aber die Zahl der Schüler, die in den neuen Gebäuden unterrichtet wurden, stieg rasch von 527 (1953) auf 668 im Schuljahr 1959.

Die Ursache für das schnelle Anwachsen der Schülerschar der Pestalozzischule war vor allem in der Errichtung des Mittelschulzuges zu sehen (Ostern 1954). Die große Anzahl der Meldungen machte die Einrichtung von zwei Mittelschulklassen notwendig, obwohl nur Kinder mit gutem Prüfungsergebnis aufgenommen wurden. Endgültig vom baden-württembergischen Kultusministerium anerkannt wurde der Mosbacher Mittelschulzug übrigens erst 1959; bis zu diesem Zeitpunkt war er auch voll ausgebaut worden.

Im Jahre 1957 kam das Gespräch erstmals auf den Bau einer dritten Volksschule. Auf Grund der starken Schülerzahl im Lohrtal- und „Neue-Heimat"-Gebiet (damals wohnten dort 350 Schulkinder) sprachen die Gemeindeväter sich - in Übereinstimmung mit dem Regierungspräsidium - für den Bau einer Schule im Lohrtal aus. Ostern 1960 wurde die Lohrtalschule, die 1146000 DM kostete, eingeweiht - allerdings nur ihr erster Bauabschnitt, der acht Schulsäle für die Volks- und zwei längst notwendige Säle für eine Hilfsschule umfaßte. Das Richtfest für die Turnhalle und die Hausmeisterwohnung der neuen Volksschule konnte erst vor kurzem (am 11. September) gefeiert werden. Der voraussichtliche Gesamtaufwand für diese Erweiterungen: 364000 DM. Aus den 360 Schülern, die 1960 im Lohrtal unterrichtet wurden, sind inzwischen 517 geworden.

Nach der Inbetriebnahme der Lohrtalschule waren die „Schülergewichte" zunächst gleichmäßig auf Mosbachs drei Volksschulen verteilt. Im Schuljahr 1960/61 besuchten 456 Kinder die alte Wilhelm-Stern-Schule (an der seit ihrem großen Aderlaß im Jahre 1952 zahlreiche Verbesserungen vorgenommen worden waren) und 463 die Pestalozzischule, von deren Schülern 303 am Mittelschulzweig teilnahmen. In dieser Zeit wirkten 37 Lehrkräfte an Mosbachs Volksschulen. Doch die Entwicklung schritt und schreitet fort, und die Zahl der Mosbacher Volksschüler zeigte die Notwendigkeit, an eine nochmalige Erweiterung des Schulraumpotentials der Kreisstadt zu denken.

Im derzeitigen Schuljahr wird die Wilhelm-Stern-Schule schon wieder von 482 Schülern frequentiert, denen 16 (1960 = 12) Lehrkräfte die Grundlagen der Allgemeinbildung nahebringen; an der Pestalozzischule unterrichten 16 Lehrer (wie 1960) 110 Volks- und 420 Mittelschüler. Die Mittelschule wird mehr und mehr beansprucht, vor allem von auswärtigen Schülern, deren Anteil von etwa 16 Prozent (1957) auf derzeit rund 55 Prozent gestiegen ist. Die Vermehrung der Mittelschulklassen brachte eine zwangsläufige Verminderung der Volksschulklassen mit sich, die auf die beiden anderen Mosbacher Volksschulen verteilt wurden und dort zu verstärktem Raummangel führten. - Die 517 Schüler der Lohrtalschule, unter ihnen 60 Hilfsschüler, werden von 12 Lehrern (1960: 6) ausgebildet. - Nicht nur die Raumnot, sondern auch die starke Ausdehnung der Mosbacher Wohngebiete nach Nordwesten (Nüstenbachtal, Masseldorn) ließ indessen bereits kurze Zeit nach der Inbetriebnahme der Lohrtalschule bei den Mosbacher Stadtvätern den Wunsch nach einer Unterrichtsstätte - der dritten innerhalb von zwölf Jahren - in diesem Stadtgebiet wach werden.

Die neue Nüstenbachschule, deren Grundstein heute gelegt wird, soll nach ihrer Fertigstellung 560 Schüler aufnehmen. Im ersten Bauabschnitt werden 16 Schulsäle errichtet, im zweiten Bauabschnitt sollen weiter acht Säle sowie eine Turnhalle und ein Gymnastikraum erbaut werden. Die Gesamtkosten dieses großen Projektes werden - der jetzigen Voraussicht nach - 2,28 Mio DM betragen, von denen das Land 871000 DM beisteuern will - eine Summe, die nur einen Teil der Erwartungen erfüllte, Der Zuschuß für die Gastschüler, der immerhin weitere 465000 DM betragen hätte, wurde in Stuttgart kurzerhand gestrichen, weil die Mittelschule nicht in dem Neubau im Nüstenbachtal, sondern in der Pestalozzischule untergebracht werden bzw. verbleiben soll: Auch um die übrigen Anträge der Stadt Mosbach auf Zuschüsse sieht es nicht sehr rosig aus.

Die finanziellen Sorgen sollen der Bedeutung des heutigen Tages jedoch keinen Abbruch tun - er leitet einen neuerlichen Schritt auf dem Wege ein, der Mosbachs Ruf und Bedeutung als Schulstadt weiter festigen wird; ein Zeugnis dafür - wie BM Tarun es bei der Einweihung der Lohrtalschule zum Ausdruck brachte -, daß sich „die Mosbacher Bürger - wie seit Jahrhunderten - erfolgreich darum bemühen, ihren Kindern eine vielseitige und fortschrittliche Schulausbildung zu gewährleisten".